Deutschprojekt 10c

Deutsch-Projekt der 10c in Kooperation mit dem Friedrich Ebert Gymnasium, Berlin:

Angela Marquardt und Miriam Hollstein „Vater, Mutter, Stasi“

Literatur gehört zum Deutschunterricht wie das Einmaleins zur Mathematik; aber welches – vielleicht auch noch moderne - Buch eignet sich in besonderer Weise zum fächerübergreifenden Lernen für eine 10. Klasse? Diese Frage ließ sich dieses Jahr relativ einfach beantworten. Angela Marquardt, ehemaliges Mitglied der PDS – damals bekannt als „Punk im Bundestag“ - und heutiges SPD-Mitglied, hatte vor kurzem in Zusammenarbeit mit der Journalistin Miriam Hollstein das Buch „Vater, Mutter, Stasi“ herausgegeben. In diesem Buch beschreibt sie zum einen ihr Leben in einem staatskonformen Elternhaus, zum anderen setzt sie den politischen Missbrauch Jugendlicher durch die Geheimpolizei der DDR ins Bild. Sie wurde als inoffizielle Mitarbeiterin, sprich Spitzel, angeworben und beschreibt in interessanter Weise, wie diese Situation ihr gesamtes Leben belastete und immer noch belastet.

Zuerst mussten die Schüler und Schülerinnen natürlich das Buch lesen. Anschließend beschäftigten sie sich mit einem Arbeitsplan, in dem es nicht nur um inhaltliche Aspekte ging, sondern auch um das Entwickeln und Erweitern geforderter Kompetenzen. Wichtig waren auch Fragen, die Angela Marquardt in einem Interview gestellt werden sollten; denn dies war ein Highlight für besonders engagierte Schüler bzw. Schülerinnen. Zwei von ihnen durften nämlich nach Berlin reisen, um zusammen mit zwei Schülerinnen des Friedrich Ebert Gymnasiums Frau Marquardt zu interviewen. Die Kosten für die Bahnfahrt und die Hotelunterbringung wurden wieder vom Haus der Zukunft (HdZ), Berlin übernommen. Am 7. Juli machten sich also Levke Köhler und Sabrina Kähler auf den Weg nach Berlin. In einem zweistündigen Interview stand Frau Marquardt Rede und Antwort zu ihrem Buch. Allerdings lehnte sie es ab, auf Fragen zu ihrem sexuellen Missbrauch und zu ihrer Familie zu antworten. Dieses Interview wurde per Video aufgezeichnet und später der Klasse vorgeführt. Im Anschluss erfolgte eine rege Diskussion, wie überzeugend das Buch und Frau Marquardt waren. Hier noch eine von mehreren Rezensionen, die die Schüler und Schülerinnen verfasst haben:

An dem Buch hat uns gefallen, dass A. Marquardt so ein Thema so präzise beschrieben hat. Solche Geschichten müssen erzählt werden, da sich die jungen Leute von heute sonst nicht vorstellen können, wie Deutschland früher ausgesehen hat. Jedoch wäre es schöner gewesen, wenn sie sich in den Vorbereitungen zum Schreiben des Buches über ihre Erinnerungslücken informiert hätte. Außerdem finden wir es schade, dass sie jedwede Schuld von sich weist und keine Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen scheint, sowie dass sie sich für alles rechtfertigt. Dieser Eindruck hat sich durch das Schauen des Interviews nur bestätigt, da sie auch hier ausschließlich die Schuld beim Umfeld sucht. Das finden wir sehr schade! (John Darryl, Viktoria, Luisa, Svea, Ines)

Wenn ein Politiker ein memoirenähnliches Buch schreibt, ist dies für Schüler und Schülerinnen nur in seltenen Fällen interessant. Hier aber haben sie sich mit dem Buch einer relativ jungen Politikerin beschäftigt, deren komplizierter Lebensweg an mehreren Stellen Schüler zum Nachfragen animierte. Es ist ihr dafür zu danken, dass sie die personenbezogenen Stasi-Akten öffentlich zugänglich gemacht hat, denn solche Akten sind normalerweise unter Verschluss. Akten über Personen unter 18 Jahren werden von der zuständigen Behörde nicht herausgegeben.

Iris Kunterwald